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1. Sonntag in der Passionszeit (Invokavit)

Gedanken zu Johannes 12, 21-30

Predigttext am 21. Februar 2021 (1. So. in der Passionszeit)

von Barbara Schipper

 

Jesus und sein Verräter

Als Jesus das gesagt hatte, wurde er sehr traurig und sagte ihnen ganz offen: »Amen, ich versichere euch: Einer von euch wird mich verraten.« Seine Jünger sahen sich ratlos an und fragten sich, wen er meinte. Der Jünger, den Jesus besonders lieb hatte, saß neben ihm. Simon Petrus gab ihm durch ein Zeichen zu verstehen: »Frag du ihn, von wem er spricht!« Da rückte er näher an Jesus heran und fragte: »Herr, wer ist es?« Jesus sagte zu ihm: »Ich werde ein Stück Brot in die Schüssel tauchen, und wem ich es gebe, der ist es.« Er nahm ein Stück Brot, tauchte es ein und gab es Judas, dem Sohn von Simon Iskariot. Sobald Judas das Brot genommen hatte, nahm der Satan ihn in Besitz. Jesus sagte zu ihm: »Beeile dich und tu, was du tun musst!« Keiner von den Übrigen am Tisch begriff, was Jesus ihm da gesagt hatte. Weil Judas das Geld verwaltete, dachten manche, Jesus habe ihn beauftragt, die nötigen Einkäufe für das Fest zu machen, oder er habe ihn angewiesen, den Armen etwas zu geben. Nachdem Judas das Stück Brot gegessen hatte, ging er sofort hinaus. Es war Nacht.

Heute ist der 1. Sonntag in der Passionszeit und der Predigttext nimmt uns direkt hinein in das Hauptgeschehen: Mit Jesus und seinen Jüngern sitzen wir am Tisch zum Passahmahl, zum ersten Abendmahl, zum letzten Mahl in vertrauter Runde.

Mit denen, die sofort bereit waren, alles stehen und liegen zu lassen und Jesus zu folgen.

Mit denen, die um Jesu Gunst gestritten haben um einen sicheren Platz im Himmel.

Mit dem, der großmaulig versichert hat, dass er immer zu Jesus und seiner Botschaft stehen würde, egal, was passiert.

Mit dem, den Jesus besonders ins Herz geschlossen hatte.

Mit dem, der Jesus ausgeliefert hat.

Neben wem nehme ich gedanklich Platz?

Na, auf jeden Fall NICHT neben Judas, dem Verräter, wie diese Verse nicht nur in der Luther-Übersetzung überschrieben sind. Nicht neben dem, der schon das Geld in der Hand hält, mit dem er sich kaufen lassen wird…

Während des Studiums habe ich mich intensiv mit diesem Judas beschäftigt, die Texte verglichen, in denen die Bibel von ihm berichtet, die Nuancen in den Evangelien, und ich habe Erklärungen und Abhandlungen über ihn gelesen, in denen er im einen Extrem als Heilsbringer gesehen wurde, ohne den die Passion Jesu nicht in Gang gekommen wäre und folglich Ostern nie stattgefunden hätte. Im anderen Extrem wurde er quasi mit dem Teufel gleichgesetzt, wurde gesehen als der, der verdammungswürdig ist und verachtet und bespuckt werden darf als Gottesmörder. Dies wurde beeindruckend dargestellt in einem Gemälde, in dem tatsächlich ein kleiner Teufel samt dem Stück Brot, das Jesus Judas reicht, in dessen Mund wandert. Von dieser extremen Sichtweise des JUDas ist es nur ein kleiner Schritt zur Beschimpfung der JUDen, so geschehen in ersten Ansätzen in den Evangelien und dann über Jahrhunderte auf den Kanzeln. Und schleichend und gefährlich vermischten sich Antijudaismus und Antisemitismus zu dem, was so unendlich viel Leid über Millionen gebracht hat.

Ich habe für mich sehr viel gelernt in der Auseinandersetzung mit Judas. Am wichtigsten und prägendsten: Wer auch immer diese oder eine andere Geschichte von Jesus und seinen Jüngern erzählt, weiter erzählt und aufgeschrieben oder gepredigt hat, hat dies stets nur durch die eigene Brille gesehen und erzählt. Und jedes Reden und Erzählen über einen anderen ist immer gefärbt von der eigenen Sicht. Auch in der Bibel. Auch im Reden von Gott und Jesus. Bis heute.

Und bleibende Warnung war, wie fatal es war, Judas im wahrsten Sinn des Wortes zu verteufeln. Irgendwann nicht mehr hinterfragt.

Wo sitze ich heute an diesem Tisch mit Jesus?

Vielleicht gedanklich mal neben jedem der Jünger? Vielleicht unterhalte ich mich mit ihnen – den starken, den zweifelnden, den ungeduldigen und vielleicht auch mit dem, der Passion, Leiden, in Gang gesetzt hat.

Dies geschieht bis heute millionenfach. Auch durch mich schon geschehen.

Im Verletzen anderer, im Missachten oder Benutzen der Schöpfung zu eigenen Zwecken. Oft, zu oft.

Durch die für heute vorgegebenen Bibelverse ist die Passionszeit mit allen Facetten direkt bei uns angekommen. Jetzt ist es an der Zeit, sich nicht weg zu ducken vor den dunklen Ecken dieser Welt oder des eigenen Lebens.

Damit es dann Ostern werden und Leben neu geschenkt werden kann.

Begleiten wir Jesus, Judas, die anderen gedanklich ein Stück.

Und nehmen wir als Lied heute eines mit auf den Weg, das den Tod nicht kleinredet und das neue Leben fest glaubt (Nr. 98 im Ev. Gesangbuch) und wachsen sieht.

 

  1. Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt, Keim, der aus dem Acker in den Morgen dringt – Liebe lebt auf, die längst erstorben schien: Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.
  2. Über Gottes Liebe brach die Welt den Stab, wälzte ihren Felsen vor der Liebe Grab. Jesus ist tot. Wie sollte er noch fliehn? Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.
  3. Im Gestein verloren Gottes Samenkorn, unser Herz gefangen in Gestrüpp und Dorn – hin ging die Nacht, der dritte Tag erschien: Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.

 

Gott begleite dich auf dem Weg zu deinen dunklen Seiten.

Gott blicke gnädig darauf und lass dich mit seinen Augen sehen.

Gott schenke dir einen barmherzigen Umgang mit dir und deinen Mitmenschen.

 

Gott lasse das Licht der Erscheinung der Herrlichkeit Gottes auf Erden auch in die Passionszeiten unseres Lebens scheinen, damit wir in den Dunkelheiten nicht versinken. Amen.

 

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